Es gibt: Ein Bleiben im Gehen,

ein Gewinnen im Verlieren, im Ende einen Neuanfang

Japanisches Sprichwort

 

Raunacht zum 30. Dezember

 

Die sechste Nacht für den Juni im Zeichen des Krebs

 

Das Thema:

 

Reinigung

 

Möglichkeit der inneren Reinigung beispielsweise durch eine Meditation,

in welcher du dich von negativen Gedankenmustern reinigst.

Äußere Reinigung durch Räuchern der Wohnung. Achtung Rauchmelder aus :-)

Oder Reinigung deines Körpers durch ein wärmendes und entspannendes Bad.

 

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Das Märchen zur sechsten Raunacht:

 

Frau Holle und der Blinde

 

Einmal am Nachmittag des Heiligen Abends, kehrte ein blinder Buchbinder, den sein Hund führte, von der Arbeit heim. Ein schlimmer Wind fuhr durch alle Wipfel, und der arme Mann hatte eine weite Strecke durch einen großen Wald zu gehen. Nun wollte der Weg an diesem Tage schier kein Ende nehmen, es wurde immer einsamer und kälter um den Blinden, er fürchtete schließlich, sein Hund habe sich verirrt. Auf einmal legte das Tier sich nieder und sprach wie ein Mensch: »Weißt du, dass Frau Holle heute Nacht durch den Wald kommt?«

»Hast du mit ihr zu reden?« fragte der Blinde erstaunt. »Nein, aber ich habe dich heute ein ganzes Jahr lang geführt,« sagte der Hund, »jetzt hab du einmal Geduld und gib mir, dass ich eine Stun­de mit den meinen spielen kann. Sie kommen alle in den Hollenwald!« Da musste der Mann frierend an einen Stamm gelehnt warten, bis sein Führer wiederkehrte. Er murrte erst, aber es war zu begreifen, dass auch solch Tier seine Freude haben will; zwischen Weihnacht und Drei­könig verstehen alle Wesen einander, und man sagt, dass sie in den Ta­gen, die auch die Zwölften heißen, mehr wissen als unsereins, dafür dass sie ein Jahr lang stumme Diener der Menschen waren.

Als der Blinde nun schon hoffte, dass ein gut Teil der Stunde vorü­ber sei, kam der Hund wieder vorbei. »Du musst noch etwas Geduld ha­ben«, mahnte er seinen Herrn, »es sind noch nicht alle da.« Der Mann mochte nichts erwidern, um dem Tier die Freude nicht zu verderben. Als er dabei aber horchend den Kopf zu ihm niederbeugte, geschah ihm, wie es allen Blinden bei Frau Holles Kommen geschieht, dass er den Hund auf einmal wie einen Schatten sehen konnte. Und als er den Kopf wieder aufhob, war ihm, als stünde rund um den Tannen­wald wie eine Schar begrünter Kreuze da, er erblickte auch oben in den Wipfeln den Mond, um den mit hellen Gliedern viele Nebel tanzten. Aber der Blinde sah noch mehr, er sah, wie ein ganzes Schiff mit Bäumen und Lichtern vom Himmel näher schwebte, und sich auf einer weißen Waldwiese, die vor ihm lag, niederließ.

Und der Mann, der viele Jahre ohne Augenlicht gewesen war, erblickte tausend Tiere, die von weit her gekommen waren, um Frau Holle zu begrüßen, er sah die Elfen mit weißen Gliedern, und sogar einige Menschen, die auch die Unirdischen zu schauen vermögen. Da lief er über den Festplatz auf das Schiff zu und schrie vor Erstaunen: »Ich habe mein Augenlicht wieder, ich kann dich erkennen, Frau Holle!« Die schöne Himmlische schritt nahe an ihm vorüber und fragte: “ Bist du blind gewesen, armer Mann?« »Ja,« rief der Buchbinder, »ja, ich bin blind gewesen, und kann dich jetzt erkennen!« Die edle Frau warnte ihn: »Hoffe nicht zu früh, Lieber, es ist nur in den Zwölften, dass du zu sehen vermagst.« »Ich bin aber so glücklich, dass ich sehen kann,« schrie der Mann, »kannst du mir nicht für immer mein Augenlicht wieder geben?« Es war für ihn alles so herrlich rundum, voller Lichter und köstlichen Glanzes, voll schöner Menschen und Tanzender, voll Wagen und freundlicher Tiere, voll ragender Bäume und leuchtender Blumen, die mitten im Schnee aufwuchsen -, ach, den armen Mann düngte, dass sein Leben allzeit und zu jeder Stunde reich sein würde, wie in dieser.

»O,« rief er, »hätte ich doch mein Augenlicht für immer!« Den schlimmen Alltag hatte er ganz vergessen. »Kannst du mir nicht helfen, dass es so bleibt, Frau Holle?«

»Für immer kann ich dir nicht helfen,« antwortete diese traurig, »aber ich kann dich wählen lassen, ob du das Jahr hindurch alles Leben und Leid der Menschen erblicken oder aber, ob du in den Zwölften zu uns kommen willst.«

»Da weiß ich genau, was ich zu wünschen habe,« sagte der Mann aufgeregt, ihm schien das Jahr so viel länger als die kurze Zeit der Feier­tage. »Da weiß ich gewiss, was ich wähle: gib mir das Jahr frei, Frau Hol­le! Ein ganzes Jahr über möchte ich offene Augen wie zu dieser Stunde haben.« Da seufzten die Tiere, sie meinten vielleicht, der Fremde hätte sich anders entscheiden müssen. Aber Frau Holle strich ihm schon über die Augen: »So werde für deine Welt sehend und blind für uns,« sagte sie. Und das Dunkel fiel auf die Lider des Bittenden, weil er noch auf der Zauberwiese stand. Dann rief die schöne Königin den Hund des Buch­binders, der kam gehorsam und führte den Mann in seine Stadt heim. Aber als er zu den Menschen kam, erhellten sich seine Augen wirklich, so wie es ihm die gütige Frau versprochen hatte. Und als das neue Jahr begann, lebte er mit klaren Blicken, ein Genesener unter den Seinen.

Es ist jedoch an dem, dass der Arme die Sehnsucht nach dem Frau Hollenschiff seit jener Nacht nicht mehr verlieren kann und dass er, wie alle Menschen die lange blind waren, im Alltag Armut und Krankheit doppelt genau erkennt. Schwermütig und wortkarg ist er geblieben, und vermag die Feier der Zwölften und den Zug der schönen überirdischen Frau, den er einmal gesehen hat, zu keiner Stunde zu vergessen.

 

Märchen aus Schleswig-Holstein
aus: Geheimnisvolle Winter- und Weihnachtszeit, Sigrid Früh, Timon Verlag